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Als Chef akzeptiert, Teil 2

Im letzten Newsletter war die Rede davon, dass von Führungskräften heute einiges mehr an Kommunikationsfähigkeit erwartet wird, als es in vergangenen Zeiten der Fall war. Aber Kommunikation ist zum Glück kein Buch mit sieben Siegeln, sondern lässt sich lernen. 
Ein Modell aus der Transaktionsanalyse, das praktisch alle Teilnehmer der Fortbildungsreihe „Coaching als Führungsinstrument“ als sehr nützlich erkannt haben, ist das „Egogramm“. Um zu wissen, was es damit auf sich hat, muss man zunächst etwas über die Ich-Zustände wissen. Ich will sie hier in aller Kürze darstellen, beziehungsweise noch mal in Erinnerung rufen.

Die Ich-Zustände
Die Kenntnis der Ich-Zustände bietet eine Grundlage dafür zu verstehen, was bei Kommunikationsprozessen eigentlich passiert. Die Ich-Zustände und später das daraus entwickelte Egogramm geben eine erste Orientierung darüber, wie der Mensch, der einem gegenübersitzt, kommuniziert und welche Schwierigkeiten sich möglicherweise daraus ergeben. 

Jeder Mensch besitzt drei Ich-Zustände: Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kind-Ich. Dabei ist jeder Ich-Zustand eine eigene Einheit von Denken, Fühlen und Handeln. Alle drei Ich-Zustände sind notwendig und wichtig, es gibt keinen guten und keinen schlechten Ich-Zustand. Zwar gibt es Situationen, in denen der Einsatz eines bestimmten Ich-Zustandes unangebracht ist und man erfolgreicher aus einem anderen Ich-Zustand kommunizieren würde, das ändert jedoch nichts daran, dass grundsätzlich jeder Ich-Zustand seine Berechtigung und Nützlichkeit besitzt, auch im Berufsleben. Die Ich-Zustände der Transaktionsanalyse sind Beschreibungen, keine Wertungen! 

Der Kind-Ich-Zustand: Im Kind-Ich befindet sich jemand, der sich so emotional und selbstbezogen, oder aber so artig oder unartig verhält, wie es für Kinder charakteristisch ist. Wer im Kind-Ich ist kann begeistert oder traurig sein, völlig von einer Beschäftigung gefangen genommen oder so zornig, dass er fast aus der Haut fährt, im Kind-Ich spielt man ausgelassen oder man ist so bockig wie ein Dreijähriger in der Trotzphase.
Da sich das Kind-Ich in so unterschiedlichen Ausprägungen äußern kann, hat die Transaktionsanalyse für diesen Ich-Zustand weitere Unterteilungen gefunden. Wir unterscheiden das „freie Kind“ vom „angepassten“ und vom „rebellischen Kind“, wobei „angepasstes“ und „rebellisches Kind“ zusammengehören wie die zwei Seiten einer Münze. Rebellion ist die Kehrseite der Anpassung, denn sie orientiert sich wie diese an den äußeren Anforderungen. 
Das freie Kind richtet sich jedoch nicht nach anderen und was deren Wünsche oder Anordnungen sein mögen, es richtet sich allein nach seinen eigenen Bedürfnissen. Es ist begeisterungsfähig, kann sich so in seine Beschäftigung vertiefen, dass es alles um sich herum vergisst, auch solche lästigen Dinge wie Termine und Vereinbarungen und es folgt nur seinen eigenen Regeln. Dazu gehört auch, dass es nur schwer dazu zu bewegen ist, zu einer Aufgabe zurückzukehren, wenn es die Lust daran verloren hat. Das freie Kind ist kontaktfreudig und geht gern auf andere Menschen zu, ist dabei jedoch von glücklicher Selbstbezogenheit, deshalb spielen Konventionen keine Rolle in seinem Leben.
Der Rebell schert sich zwar auch nicht um Konventionen, aber weil er dagegen aufbegehrt. Er „vergisst“ Termine nicht, weil er so absorbiert von etwas war, sondern weil er gegen die Macht, die Termine setzt, opponiert. Der Rebell ist Sand im Getriebe, aber er ist es auch, der auf Missstände aufmerksam macht und dadurch manchmal nötige Veränderungen in Gang setzt.
Das angepasste Kind ist das genaue Gegenteil davon, es ist freundlich, brav und zuverlässig, Widerworte sind von ihm genauso wenig zu erwarten wie Kreativität. Doch bevor man jetzt das angepasste Kind zum Duckmäuser abstempelt, sollte man sich überlegen, wie unser Leben, auch das Geschäftsleben, aussähe ohne Höflichkeit, Pflichtbewusstsein, Zuverlässigkeit und Rücksichtnahme – alles Eigenschaften, die zum angepassten Kind gehören.

Der Eltern-Ich-Zustand: Im Eltern-Ich ist man, wenn man Verhaltensweisen an den Tag legt, wie sie Elternfiguren gemeinhin zugeschrieben werden: man lobt oder tadelt, gibt Anweisungen, kümmert sich, spendet Zuwendung oder macht jemanden zur Schnecke. Da im Eltern-Ich das Verhalten in zwei Richtungen ausschlagen kann, hat die Transaktionsanalyse auch diesen Ich-Zustand unterteilt, nämlich in „fürsorgliches“ und in „kontrollierendes Eltern-Ich“. Wer einem anderen Rat oder Trost zukommen lässt, ihn umsorgt, ein freundliches Auge auf ihn hat, befindet sich im fürsorglichen Eltern-Ich, wer Anweisungen gibt, und seien sie ihm Ton noch so freundlich gehalten, ist genauso im kontrollierenden Eltern-Ich, wie jemand, der schimpft oder straft. 

Der Erwachsenen-Ich-Zustand: Dieser Ich-Zustand kommt ohne weitere Unterscheidung aus, denn er geht nicht mit positiven oder negativen Emotionen einher. Im Erwachsenen-Ich herrscht die Ratio, da werden Argumente ausgetauscht und gegeneinander abgewogen, es wird Information aufgenommen und verarbeitet, logisch gedacht und gerechnet. Da Gefühle im Erwachsenen-Ich kaum vorkommen, kann man mit jemandem, der sich in diesem Ich-Zustand befindet auch nicht streiten, denn im Erwachsenen-Ich ist der Mensch absolut sachlich. Man wird allerdings auch keine herzliche Anteilnahme, kein warmes Lächeln von ihm bekommen.
 
Das Egogramm
Im Egogramm eines Menschen wird in Form eines Balkendiagramms dargestellt, wie stark oder gering die verschiedenen Ich-Zustände bei ihm ausgeprägt sind. So kann man durch ein Egogramm sehr schön darstellen, welches der oder die vorherrschenden Ich-Zustände sind, die in der Kommunikation nach außen eingesetzt werden. Will man ein Egogramm erstellen, beginnt man am besten mit einem Ich-Zustand, der  viel gezeigt wird und zeichnet den Balken entsprechend hoch, geringer ausgeprägte Ich-Zustände werden in Relation dazu mit entsprechend niedrigeren Balken versehen. Dabei ist es nicht zulässig, einen Ich-Zustand ganz wegzulassen. Um ein zutreffendes Egogramm anzufertigen, ist es nicht nötig, einen Menschen bereits gut zu kennen. Dank unserer Intuition, oder nach den neuen Erkenntnissen der Hirnforschung formuliert, dank unserer Spiegelneuronen, sind wir in der Lage, spontane Egogramme von fast Fremden mit  außerordentlich hoher „Trefferquote“  zu erstellen.

Egogramme sind von Interesse, weil man anhand dieser Auskünfte seinen eigenen Kommunikationsstil an die Persönlichkeitsstruktur des Mitarbeiters anpassen kann. Damit können viele unnötige Reibungen oder Missverständnisse vermieden werden. Man lernt natürlich auch einiges über sich selbst.
So hat zum Beispiel ein Mensch mit viel kontrollierendem Eltern-Ich kein Problem damit, sich durchzusetzen, Grenzen zu ziehen, dafür läuft er aber Gefahr, zu dominant zu sein, hat vielleicht die Neigung, Menschen zu gängeln, ihnen zu wenig Freiraum zu lassen, kurz, ist als Chef oft zu fordernd. 
Ist das kontrollierende Eltern-Ich eines Menschen jedoch sehr niedrig, ergeben sich daraus andere Schwierigkeiten, denn er muss andere Ich-Zustände heranziehen, um sich durchzusetzen oder abzugrenzen. Will er zum Beispiel einen Mitarbeiter daran hindern, sich ihm gegenüber zu viel herauszunehmen, kann er, wenn er ein starkes Erwachsenen-Ich besitzt, versuchen, den anderen mit Argumenten zu überzeugen, sein Verhalten zu ändern. Funktioniert das nicht, oder hat er gelernt, dass er mit emotionalem Druck weiter kommt, wird er das angepasste Kind-Ich einsetzen und dem Mitarbeiter vorwerfen, dass er ihn hängen lässt, dass er wegen ihm immer wieder Schwierigkeiten mit seinen eigenen Vorgesetzten hat.

Generell lässt sich sagen, dass es immer dann problematisch wird, wenn Ich-Zustände übertrieben stark oder zu gering ausgeprägt sind. Ein zu niedrig besetzter Ich-Zustand führt dazu, dass der Mensch Probleme bekommt, wenn genau jener Ich-Zustand angemessen wäre. Er muss andere Lösungswege suchen, die jedoch selten optimal sind. 
Zu viel von einem Ich-Zustand bedeutet: dieser Ich-Zustand ist sehr  leicht ansprechbar, ein kleiner Reiz genügt und schon zeigt der Mensch die entsprechenden Reaktionen, mit der Folge, dass er dadurch manipulierbar wird. Zum Beispiel reicht für einen Chef mit sehr hohem fürsorglichem Eltern-Ich schon ein etwas jammeriger Ton des Mitarbeiters, um vielleicht unangemessene Wünsche zu akzeptieren.

Mehr, viel mehr zu diesem Thema bietet die Reihe „Coaching als Führungsinstrument“. Mehr zu den Ich-Zuständen, zu Kommunikation insgesamt bietet auch das gleichnamige Buch von Ulrich und Renate Dehner.

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