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Pseudo-Effizienz oder „schneller“ ist nicht zwingend „besser“

Laut einer Microsoft-Studie ist die Fähigkeit, sich am Stück zu konzentrieren, zwischen 2000 und 2013 von zwölf auf acht Sekunden gesunken. Zum Vergleich: Ein Goldfisch schafft neun, Donald Trump angeblich fünf Sekunden. Nun scheinen auch zwölf Sekunden nicht gerade üppig zu sein, aber ein Drittel weniger ist besonders dürftig. Und wer weiß, was zwischen 2013 und 2017 passiert ist!
Das Streben nach „Hocheffizienz“, nach „High-Performance“ und „maximaler Leistung“ scheint jedenfalls auf den Mangel an Aufmerksamkeits-Spanne und Konzentrationsfähigkeit insofern Rücksicht zu nehmen, als oftmals erwartet wird, komplexe Inhalte in immer kürzeren Zeitspannen zu vermitteln, aufzunehmen, zu verarbeiten. Es soll alles immer schneller gehen, was eigentlich auf dreißig Seiten („liest doch kein Mensch!“) dargestellt werden sollte, muss doch auch in drei Seiten passen, und ein Drei-Tages-Seminar muss man doch locker in drei Stunden pressen können. Denn erstens ist Zeit schließlich Geld und zweitens ist eine hocheffiziente Führungskraft im Betrieb doch unmöglich länger als drei Stunden abkömmlich, oder? 
Doch, ist sie! Sonst läuft irgendetwas ganz gewaltig schief und es wird nicht ewig währen, bis einem das ebenso gewaltig um die Ohren fliegt. Diese Pseudo-Effizienz, die alles immer schneller in immer kürzeren Zeiträumen haben will, ist aus mehreren Gründen der bare Unsinn.

  1. Stress - Wissen Sie, wie sehr Stress dem Körper schadet? Stress ist zwar zunächst eine psychische Belastung (die, davon abgesehen, auch nicht schön ist), die sich aber auf Dauer gesehen auf den gesamten Organismus schädlich auswirken kann. Harvard Mediziner haben nachgewiesen, dass chronischer Stress die Nervenaktivität der tief im Hirn liegenden Amygdala erhöht. Die Amygdala ist der Teil des emotionalen Gehirns, in dem Gefühle  wie Angst und Ärger verarbeitet werden. Unter Stress gibt die Amygdala Signale an Knochenmark und weitere Körperregionen aus, die bewirken, dass vermehrt Entzündungsstoffe produziert werden. Dadurch werden, ganz ohne äußere Keime oder Infektionen, chronische Entzündungen im Körper angeregt. Das führt dazu, dass ein ständiger Aggressionsherd im Körper vorhanden ist, der jedes Gewebe und besonders die Wände von Arterien angreifen kann. Als Folge kann es leichter zu schwerwiegenden Krankheiten wie Angina Pectoris, Herzinfarkt oder Schlaganfall kommen. Britische Ärzte konnten in Untersuchungen zeigen, dass Stress das Risiko für Infarkt und Schlaganfall  fast im gleichen Maß erhöht wie Rauchen und stärker als die „Klassiker“ Bluthochdruck, zu viel Cholesterin oder Diabetes. Der Zwang alles immer schneller zu machen, ist Stress pur!
  2. Fehlerhäufigkeit - Wer alles immer schneller, in immer kürzerer Zeit machen will, schafft das nur auf einem Weg, nämlich die tatsächlich vorhandene Komplexität zu reduzieren. Die Welt und alles, was damit zusammenhängt, ist aber nun einmal kompliziert, verdammt kompliziert. Will man alles immer weiter vereinfachen, landet man irgendwann bei Illusionen. Zum Beispiel, bei der Illusion, man habe etwas verstanden. Wie Forscher herausgefunden haben, ergibt sich die Illusion des Verstehens daraus, dass stark vereinfachte Texte geringere kognitive Anstrengungen erfordern, was den Glauben nährt, man habe die Sache kapiert. Das Gefühl des Durchblicks stellt sich erstaunlicherweise (oder nicht erstaunlicherweise) gerade dann besonders gern ein, wenn zu einem komplexen Thema besonders wenig bekannt ist. Fragt man bei den „Durchblickern“ dann nach, stellt sich heraus, dass der „Durchblick“ eine Illusion war. Doch wie oft ist schon ein Forscher zur Stelle, der jemanden, der sich auf Grund stark verkürzter, vereinfachter Informationsvermittlung der Selbstüberschätzung hingibt, er habe alles durchdrungen und wisse jetzt Bescheid, mit der Realität konfrontieren kann? Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null. Also bleibt die Illusion erhalten. Entscheidungen, die man auf Grund solcher Illusionen trifft, haben die Tendenz, die falschen zu sein und nach hinten loszugehen.
  3. Zeitverschwendung -  Jede Stunde, die ein vielbeschäftigter Mensch opfert, um sich in  kürzester Zeit Wissen oder Fähigkeiten „anzueignen“, die er hinterher nicht nutzen kann, weil wesentliche Elemente fehlen, ist rausgeschmissene Zeit! Was rein kognitive Inhalte betrifft, so fehlt bei zu starker Komprimierung und damit einhergehender Vereinfachung die Durchdringung des Themas für ein wirkliches Verständnis. Was zum Beispiel Fähigkeiten, die auf der Verhaltensebene liegen betrifft, so fehlt das wichtigste überhaupt: Üben! Üben ist für alles, was man gut „ausüben“ will, nun einmal entscheidend. Genauso wenig, wie man Tanzen lernt, wenn man drei Stunden lang etwas über Körperkoordination, Rhythmus und Schrittfolgen hört, kann man neue Kommunikations- oder Verhaltensmuster lernen, wenn man nur etwas darüber hört, und mag es noch so richtig sein. Ohne die ausreichende Möglichkeit zu haben, das Neue einzuüben, nützt es einem nichts. Kommt man im Alltag in die Situation, in der das Neue gebraucht würde, verlässt man sich ganz automatisch, da das andere ja gar nicht verankert ist, lieber auf die bekannten Verhaltensmuster. Genau aus diesem Grund hätte man sich die Zeit, die man mit diesen nutzlosen „Wissensvermittlungen“ verbracht hat, auch einfach schenken können. Wer etwas wirklich lernen will, muss es üben, daran führt kein Weg vorbei. Aber die Zeit, die das kostet, ist gut genutzte Zeit, denn hinterher hat man auch etwas davon. Weil die Sicherheit, die das Üben gibt, die Basis dafür ist, etwas Unbekanntes auch umzusetzen.

Man sollte also sehr misstrauisch werden, wenn von immer schneller, immer mehr in immer kürzerer Zeit die Rede ist. Führung zum Beispiel und alles, was damit zusammenhängt, lernt sich nicht in ein paar Stunden. Und in meinem Bereich bedeutet das, dass eine gute Coachingausbildung nicht an einem, zwei oder drei Wochenenden zu haben ist. Solche Angebote sind zutiefst unseriös. Coaching ist ein hochkomplexes Thema, das sowohl viel theoretisches Wissen, als auch noch viel mehr Übung erfordert. Wer sich für eine Coachingausbildung entscheidet, sollte nicht sein Geld und seine Zeit für etwas hinauswerfen, das für die Katz ist. Zum Glück gibt es neben den Scharlatanen eine ganze Reihe seriöser, professioneller Anbieter, bei denen man etwas für sein Geld bekommt. Informieren darüber kann man sich z.B. auf der entsprechenden Seite des Deutschen Bundesverbands für Coaching (DBVC). Der DBVC ist der Businesscoaching-Verband und er zertifiziert nur Anbieter, die hohen Qualitätsmerkmalen entsprechen.

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